Halbzeit

Halbzeit

Kann das wirklich sein? Der Kalender lügt nicht, dann ist es wohl so: Das Jahr 2021 ist schon zur Hälfte vorbei. Das Mittsommerfest steht an, es kennzeichnet die kürzeste Nacht des Jahres. Schon Halbzeit.

In meiner Kindheit hatten wir am 24.6. immer eine Johannes-Andacht. Der Johannestag erinnert an Johannes, den Täufer. Er war der Cousin von Jesus, seine Geburt wurde durch einen Engel vorhergesagt und sein Auftrag war es, die Menschen auf Jesus vorzubereiten. Er muss ein charismatischer Redner gewesen sein, denn die Leute liefen ihm scharenweise nach. Und das, obwohl er wenig Schönes zu sagen hatte. Er hatte diese unangenehme Art, den Leuten die Wahrheit sehr pur mitzuteilen. „Stehlt nicht mehr, hört auf zu lügen und eure Freunde zu betrügen. Nutzt eure Macht nicht aus! Bald kommt Gottes Sohn, bereitet euch auf ihn vor!“ Die Bibel berichtet, dass viele Menschen nach seinen Worten tatsächlich ihr Leben sichtbar veränderten. Sogar König Herodes, ein Despot mit üblem Charakter, war irgendwie von Johannes angezogen.

Manchmal denke ich, wir würden heute auch so einen Johannes brauchen, der die Wahrheit laut ausspricht und uns und andere Menschen wieder auf den richtigen Weg zurück bringt. Lügen, Stehlen und Machtmissbrauch kennen wir zur Genüge und leider erleben wir nur selten, dass Menschen „umkehren“ von ihrem eingeschlagenen (falschen) Weg.

Johannes hatte also Einfluss. Dabei lehnte er jede Verehrung seiner Person ab. „Ich bin doch nur der, der dem Retter den Weg vorbereitet“, sagte er. Er wird zitiert mit den Worten: „Ich muss weniger werden, Jesus aber muss mehr werden!“ Sein Fokus war immer klar.

Vielleicht liegt sein Namenstag, der Johannestag, deshalb mitten im Jahr. Denn jetzt werden die Tage wieder kürzer und wir gehen auf die längste Nacht des Jahres zu. Genau sechs Monate später ist schon Heiligabend, die Nacht, in der wir das Kommen des Retters feiern.

Die Johannes-Andacht fand immer abends auf dem Friedhof statt. Der Posaunenchor blies, die Sommernacht war lau und duftete nach Jasmin. Weshalb trafen wir uns auf dem Friedhof? Weil wir uns daran erinnern lassen, dass unser Leben nicht unendlich ist. Weil wir unsere Grenzen erkennen und damit leben lernen wollen. Weil wir unsere Zeit als wertvoll ansehen und sie nicht vergeuden wollen. Weil wir Gott dankbar sind für alles, was uns an Zeit und guten Dingen schon geschenkt wurde. Ein Jahr ist so schnell vorbei. Genießen Sie den Sommer!

Käte Wischeropp